[Der tapfere Ohropas] [Die Herausforderung] [Der bittere Kampf]
Griechische Sagen des griechischen Altertums
Die Fahrt des Ohropas
Die Fahrt des Ohropas - erste Probe


ort, in den Schluchten des unwegsamen Taygetosgebirges, hauste das schreckliche Ungeheuer Oros schon seit grauer Vorzeit. Ohropas, der Sohn des Königs Irnlos und der göttlichen Quellnymphe Vassarinne, ward vom Teliderkönig Orion auf den Weg geschickt, um die Einwohner des Taygetos von dieser Plage zu befreien. Ohropas hielt an um die Hand der schönen Kalimera, der Tochter des Telidenfürsten.
Dieser verlangte jedoch drei Dienste vom Freier der Kalimera. Der erste war, das Ungeheuer Oros zu töten. Schon viele wagemutige Helden und herrliche Recken, die der Schönheit der lieblichen Kalimera verfallen waren, hatten dieses Abenteuer gewagt, aber keiner von ihnen war jemals lebendig zurückgekehrt. Sie alle, dreihundert an der Zahl, hatte Oros mit Helm und Haupt verschlungen. Nichts erinnerte mehr an sie als ihre weinenden Mütter.

hropas schritt nun, wild besonnen, das Untier zu erlegen, durch die rauhen Gefilde der Berge. Er trug nichts bei sich als ein Schwert im Halfter und eine hülserne Kette, geweiht dem Apoll Hauesitos, die einst sein Großvater Hikseus von jenem selbst erhalten hatte als Dank für die Rettung aus höchster Gefahr.

ünf Tage bereits weilte Ohropas im finsteren Gebirge und harrte voll jugendlicher Unbekümmertheit der Begegnung mit dem Ungetüm. Dieses hatte zwar keine Augen, jedoch tausend riesige Ohren, mit welchen es jeden, der sein Reich betrat, auf die Stelle genau hören konnte, um ihn aufzufressen.

s war am Abend des fünften Tages, als Ohropas rief: "Wo bist du, von dem man sagt, du könnest alles hören? Vernimmst du mich denn nicht, oder fürchtest du die Wucht meines blanken Schwertes? Komme doch aus deiner feuchten Behausung, wenn du dich dessen getraust!"

a erwiderte eine tiefe Stimme: "Ahnungslos bist du, Sohn des Irnlos und der Vassarinne. Weißt du denn nicht, daß ich deiner bereits dreihundert verschlungen habe? Ich wollte dich verschonen, da du Träger der hülsernen Kette bist, wie ich an deinem Gange höre. Doch da du mich riefest, wird auch an dich nichts mehr erinnern als ein leeres Grab."
"Nicht fürchte ich dich noch deine Ohren!" rief Ohropas aus. "So zeige dich denn."
Und noch ehe er diese Worte ausgesprochen hatte, erhob sich ein gewaltiges Brausen, und tausend Ohren flogen von allen Seiten in todbringender Wildheit auf ihn herab.
Von den Schlägen der flatternden Ohren zu Boden geworfen, überlegte Ohropas in höchster Not, was er unternehmen könne. Zunächst erblickte er einen Ölbaum, in dessen Schatten er sich zu wälzen suchte. Nun konnten die tausend Ohren nicht mehr ungehemmt auf ihn einschlagen. Im Schutze des Baumes und scharf umbraust zog Ohropas sein blitzendes Schwert aus dem Halfter. Mit starkem Arme hieb er eines der Ohren entzwei.

h, du willst es mit mir aufnehmen!" tobte das unheilvolle Monster aus der Tiefe des Erdbodens. "So mach dich auf dein Scheitern gefaßt!" In der Zwischenzeit war es Ohropas dank seiner gottgegebenen Kampfeskraft gelungen, weitere drei der furchtbaren Ohren zu erlegen, doch das Ziel, Oros zur Gänze auszulöschen, war weit. Deshalb überlegte Ohropas mitten im Kampfe eine weitere Strategie, die nur fruchten konnte, so die göttliche Energie der hülsernen Kette ihr wirklich innewohnte.
In blindem Vertrauen auf sein Vorhaben ergriff Ohropas eines der entzweigeschlagenen Ohren und hielt es, gleichsam als Schutz vor seinen Körper. Dann lief er zu einer Nische im felsigen Hang, die er in der augenbetäubenden Wirrnis ausgenommen hatte. Als Oros dies gewahrte, zitterte die Erde: "Was für ein Held ist es, welcher sich mit den Waffen des Feindes schützt!" Doch Ohropas war bereits unter dem schützenden Überhang angelangt. Nun umschlo├č er die hülserne Kette des Hikseus und rief die Götter an. Danach schlug er sich die Kette um Oberkörper und Hüfte, rieb sein ehernes Schwert daran und sprang in den Hagelschlag der tobenden Ohren. Als diese Ohropas berührten, stürzten sie wie vom Blitz gerührt vom Äther herab, worauf der Held mit kraftvollen Hieben ihnen auf dem Boden den Garaus machte.

in Heulen hub an, das über den Taygetos hinaus in ganz Griechenland, von Makedonien über Sunion bis Thessaloniki zu vernehmen war und die weiten Felder mit furchtbarer Gewalt erbeben ließ "Oh Ohropas, Sohn des Irnlos und der Quellnymphe Vassarinne, was tut Ihr mir an!" Ohropas erwiderte mit starker Stimme: "Frage dich dies selbst, schrecklocher Oros! Wie viele junge Leben und hoffnungsvolle Kämpfer hast du bereits auf deinem Gewissen! Nun ernte deinen Lohn!"
Da breitete sich eine drückende Stille im Taygetos aus, gefolgt vom Summen der Grillen und von Vogelgezwitscher - das tyrannische Ungeheuer war nun tot. Die umherliegenden Ohren des fürchterlichen Oros lösten sich in gleißendem Sonnenlicht auf, und an ihrer Stelle wuchsen Bienenstöcke aus dem fortan fruchtbaren Boden des Taygetos. Ohropas labte sich an Honig, Wasser und Früchten, dann verlor er keine weitere Zeit und suchte seine nächste Probe zu meistern, stets der süßen Kalimera eingedenk.
Zurück zum Hauptmenü

©1995, 97 Robert, Matto. Alle Rechte vorbehalten.